Nochmals: Der MICHEL-Neusatz Deutsche Kolonien
Auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung hat sich unter dem letzten TOP „Verschiedenes“ eine mehr oder weniger „angeregte“ Diskussion zum Thema MICHEL-Bearbeitung entwickelt. Da naturgemäß nicht alle Mitglieder an diesem Treffen teilnehmen konnten, die angesprochenen Themen aber sicher auch für sie von Interesse sein dürften, sollen sie - ausgehend von der geführten Diskussion - noch einmal zusammenfassend erläutert werden. Der dort (wieder) vorgetragenen Kritik - insbesondere an den Farbbezeichnungen, den neu eingeführten Farben und Plattenfehlern, den Preisen, der Unterteilung in Vor- und Mitläufer sowie der LAMU-Sorteneinteilung - soll nachstehend differenziert und begründet geantwortet werden.

Vorab aber soll zum besseren Verständnis in wenigen Zeilen die Vorgehensweise und Zusammenarbeit der beteiligten Personen und Interessengruppen dargelegt werden.

Um einem möglichen Vorwurf - als Außenstehender habe man habe ja überhaupt keine Einsicht in die Entstehung und Durchführung der ganzen Bearbeitung - schon frühzeitig begegnen zu können, ist von allen Seiten eine möglichst breite und transparente Zusammenarbeit angestrebt worden. Zu diesem Zweck hat man sich auf Initiative unseres Vorsitzenden, Herrn Knell, schon in den Jahren vor der eigentlichen Bearbeitung mit den verschiedensten Interessenvertretern zusammen gesetzt.
Es sollten hierbei sowohl die Interessen des Katalogherausgebers (Schwaneberger Verlag) als auch die der Auktionatoren, der Händler, der Sammler und der Prüfer unter einen Hut gebracht werden. Am Ende der Vorgespräche war man sich einig, dass von Seiten der ArGe die Vorschläge erarbeitet und später ausgewählten Kontaktpersonen der anderen Gruppen zur Kontrolle/Gegenprobe vorgelegt werden sollten. Hierzu wurde - unter Berücksichtigung der MICHEL-Terminologie sowie der Grundsätze der allgemeinen Katalogüberarbeitung des Schwaneberger Verlags - erst einmal ein umfassendes begriffliches Konzept von Carsten Brekenfeld und dem Autor dieses Artikels erarbeitet. Zum späteren „festen Kern“ der Sachbearbeiter gehörten des weiteren die Herren Knell, Dr. Provinsky und Steuer. Als Gebietssachbearbeiter waren ebenfalls beteiligt die Herren Baer, Hermann, Dr. Kiepe, Knieper, Laukel, Meiners, Dr. Reiners, Wenzel und Wiegand. Im Rahmen der inhaltlichen Bearbeitung wurden auch Preisvorschläge gemacht.
Nach Fertigstellung der ArGe-Vorschläge wurde die Vorlage dem Vertreter der Händler, dem damaligen APHV-Präsidenten Carl-Heinz Schulz, und im darauf folgenden Jahr auch dem Vertreter der Auktionatoren, Herrn Erhardt, vorgelegt. Sofern es zu deutlichen Diskrepanzen zwischen einzelnen Preisvorschlägen gekommen ist, gingen diese Positionen noch einmal in die Diskussion. Nach einer abschließenden Kontrolle wurden die Vorschläge der MICHEL-Redaktion übergeben.

Womit wir gleich beim ersten Missverständnis mancher Mitglieder sind: die MICHEL-Redaktion bzw. der Schwaneberger Verlag als Katalogherausgeber bekommt von der ArGe zwar die ausgearbeiteten Vorschläge unterbreitet, aber er ist weder das Sprachrohr der ArGe noch deren Erfüllungsgehilfe!! Die letzte Entscheidung bleibt immer beim MICHEL und seinem zuständigen Redakteur Herrn Heinz Adler! Die Alternative war also von Anfang an eindeutig: mitmachen oder die Bearbeitung den Redakteuren - oder gar fremden Sachbearbeitern - überlassen!
Diese Prämisse möge der Leser auch bei den weiteren Punkten immer im Hinterkopf behalten.

Farbbezeichnungen
Aus der seit einigen Jahren schon laufenden General-überarbeitung des MICHEL-Spezial ergaben sich - von Seiten des Katalogherausgebers - grundsätzliche Vorbedingungen: So waren eine Abstimmung der verschiedensten Gebiete untereinander, gleiche Katalogisierungsmaßstäbe und eine gleiche Nomenklatur zu berücksichtigen. Es sollten sich zum Beispiel die überdruckmarken auf die Marken des Deutschen Reiches - hinsichtlich Farbtönungen und Farbbezeichnungen, Typen, Plattenfehler, Besonderheiten etc. - beziehen lassen. Was also beispielsweise für die MICHEL Nr. 45 des Deutschen Reiches gilt, sollte auch für die überdruck-Marken gelten, sofern deren Unterscheidungen auch bei den jeweiligen Kolonien und DAP nachgewiesen werden können. Und wenn für die 3 Pf-Werte Farbtönungen oder Plattenfehler bei den überdruckmarken nachzuweisen sind, welche teilweise schon seit Jahrzehnten katalogisiert sind, kann man bei den 10 Pf-Werten nicht so tun, als ob es entsprechende Unterscheidungen dort nicht gäbe. Aus diesem Grund waren auch hier die nachgewiesenen Farbtönungen, Plattenfehler etc. entsprechend zu katalogisieren. Dies konnte verständlicherweise nicht pauschal und im Voraus geschehen, sondern nur bei entsprechendem Nachweis (und Bestätigung durch die Urmarkenprüfer).

Eine weitere zwingende Voraussetzung war die Abstimmung der Farbbezeichnungen auf den MICHEL-Farbenführer.
Es ist verständlich, dass sich die Mehrheit der Sammler an die alten, oft jahrzehntelang benutzten Farbbezeichnungen gewöhnt hat und der Wechsel erst einmal nur schwer verständliche Wortungetüme bringt. ABER: mit dem MICHEL-Farbenführer gibt es erstmals eine umfassende Systematik, was sowohl die Farbbeispiele als auch die Farbbezeichnungen betrifft. Die Bezeichnungen erscheinen auf den ersten Blick zwar etwas umständlich, sind aber logisch aufgebaut (Sättigung- bzw. Helligkeitsgrad/Farbbeimischung/Grundfarbton): Hell-bläulich-grün ist also ein Grün mit einer leicht bläulichen Beimischung in einem hellen Ton! (Zudem sind die Farbbezeichnungen auch nicht für eine Evozierung der Farbtönung vor einem „inneren“ Auge gedacht!)
Die alten Bezeichnungen sind oft nur scheinbar einfach und verständlich. Denn wie sieht zum Beispiel ein „maigrün“ aus? Und besteht das „schokoladenbraun“ aus Vollmilch oder Zartbitter? Ist das „blutrot“ venös oder arteriell? Die Liste ließe sich mit vielen ähnlichen Beispielen fortsetzen ...
Der große Vorteil der neuen Bezeichnungen ist, dass der Sammler einen ersten objektiven Bezugspunkt, also eine relativ konkrete Vorlage als Vergleich erhält - wobei die Nutzung allerdings nur funktioniert, wenn man sich mit der Systematik etwas genauer auseinander setzt, also das Vorwort im MICHEL-Farbenführer liest und die Farbtafeln entsprechend benutzt!
Aus Sicht des Autors erscheint es aber müßig, sich über derartige Dinge zu erregen, da 1. die Umstellung auf die neuen Farbbezeichnungen eine Vorgabe des MICHEL war und 2. letztlich nur die Typangaben a, b oder c von Interesse sind.

Unser „Großer Vorsitzender“ Thomas Knell hat im Lauf der Diskussion den Sachverhalt auf den knappen Punkt gebracht: Wem die Farbbezeichnungen nicht gefallen, muss den Schwaneberger Verlag kaufen!

Vor- und Mitläufer
Es sollte als selbstverständlich angesehen werden - um noch einmal auf die eingangs angesprochene Interessenlage der Beteiligten zurückzukommen- , dass der MICHEL nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Interessen bestimmte Dinge umsetzen will und muss. Dazu gehört neben einer alle Gebiete betreffenden einheitlichen Farbbezeichnung („Verkauf des Farbenführers“) auch eine erweiterte und detailliertere Katalogisierung, um das (Kauf!)Interesse am Spezialkatalog aufrecht zu halten.

Diese erweiterte Katalogisierung bringt - neben der Einführung der bei den Urmarken bereits nachgewiesenen Plattenfehler und Farbtönungen und einer Bewertung der Vorläufer auf Brief - beispielsweise die Unterteilung in Vor- und Mitläufer.
Auch diese Neuerung ist des öfteren kritisiert worden. Und auch hier gab es keine Alternative: es handelte sich um eine Vorgabe des MICHEL!

Darüber hinaus ist festzuhalten, dass die Mitläufer auch keine Erfindung des MICHEL sind, sondern in ihrer Begrifflichkeit von den Kolonialsammlern selbst stammen. Wenn die MICHEL-Redaktion diese Unterscheidung nun aufgreift und in den Katalog einführt, so greift sie damit nur auf die Nomenklatur der Kolonialsammler zurück! Trotz der nachvollziehbaren Kritik ist diese Differenzierung also nicht zwingend unsinnig. Auch das Steuer-Handbuch hat ja immer wieder - auch wertmäßig - auf das Verhältnis der Vor- zu den Mitläufern hingewiesen. Der MICHEL hat dies einfach durchgehend und für jede Michel-Nr. einzeln umgesetzt. Insbesondere dem „Normal“-Sammler dürfte auf diese Weise bewusst werden, dass es sowohl bei den Vor- als auch bei den Mitläufern Stücke gibt, die nur kurze Zeit verwendet werden konnten, deren Seltenheit aber bisher nicht derart offensichtlich war.

Die vorgenommenen Erweiterungen - Farbtönungen, Plattenfehler, Mitläufer - sollten aber nicht nur als unnötig oder gar als überflüssiger Unsinn betrachtet, sondern auch als Chance verstanden werden. Mit einer erweiterten Fassung können gerade die „Normal“-Sammler, die in der Regel keine Postgeschichtler sind, die aber eine wesentliche Basis unseres Sammelgebietes bilden, mit neuen Impulsen differenzierter weitersammeln. Und Interessierte sowie Neueinsteiger entdecken angesichts dieser Katalogisierung auch andere Facetten dieses Gebietes - gerade die „postfrisch“-Sammler haben dem Gebiet in den letzten Jahren eine deutliche und gegen die allgemeine Marktentwicklung gesetzte Stabilisierung beschert! Es dürften sich somit auch Sammler gewinnen lassen, die über eine „normale“ Katalogisierung (PF, Farben) in dieses vielgestaltige Gebiet einsteigen. Und wenn einige Sammler dann über die erstmals katalogisierten Besonderheiten (Atollpost, Kriegs- und Feldpost etc.) in die Arbeitsgemeinschaft und/oder zur Postgeschichte finden - soviel zum ebenfalls diskutierten Thema des Sammlernachwuchses - so hätte diese Erweiterung schon ihre Berechtigung!

Immerhin sind die Mitläufer auch keine Erfindung des MICHEL, sondern stammen in ihrer Begrifflichkeit von den Kolonialsammlern selbst. Wenn die MICHEL-Redaktion diese Unterscheidung nun aufgreift und in den Katalog einführt, so greift sie damit nur auf die Nomenklatur der Kolonialsammler zurück!

Wenn hier von Erweiterungen gesprochen wird, so hat es leider auch Umstellungen gegeben, die zwar der Vereinheitlichung innerhalb der MICHEL-Katalogisierung dienten, die aber wichtige Informationen unter den Tisch fallen ließen: Hierzu gehörten zweifellos die Platzierungsangaben der HAN im Bogenrand. Dem MICHEL reichten - mit Hinweis auf die Spezialliteratur - die allgemeinen Angaben bedauerlicherweise völlig aus!

Preise / „-,-“
Ein wunderbares Beispiel, wie stark die unterschiedlichsten Meinungen nicht nur bei den obigen Themen aufeinander prallen können, stellt die Problematik der Preisfestsetzung dar. Je nach Interessenlage kann es zu erheblichen Unterschieden bei der Preisvorstellung kommen. Es war von Anfang an aber klar - und der MICHEL hat dies auch deutlich gemacht -: wir machen nur VORSCHLäGE, an die sich der MICHEL halten kann oder eben nicht!!
Wie aber kommt man zu einem Preis-Vorschlag? Welche Grundlagen sind heran zu ziehen? Auktionsergebnisse, welche - insbesondere bei seltenen Marken - mit dem nächsten Zuschlag schon wieder hinfällig geworden sein können? Die Mengenverhältnisse der registrierten/bekannten Marken untereinander? Die Beliebtheit einer Marke, einer Ausgabe oder eines Gebietes? Händlerlisten, die je nach überangebot und Fehlliste aber völlig unterschiedlich ausfallen können? Ergebnisse bei ebay? Wie sind Zuschläge/Preise bei den neuen Farbtönungen und Typen umzusetzen, die teilweise um mehrere 100 % voneinander abweichen? Und was ist mit dem guten Ergebnis einer einzelnen Marke eines Satzes? Zieht dieses nun den ganzen Satz mit in die Höhe oder muss das bisherige, über Jahre gewachsene Gefüge innerhalb des Satzes verändert werden? Und zieht nicht ein stark erhöhter Preis weitere Nachfrage nach sich?
Wie man anhand dieser vielen Fragen schon leicht erkennen kann: Das Thema „Preise“ wird auch zukünftig immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen geben, was in der Natur der Sache liegt und nicht überbewertet werden sollte.

Die Sachbearbeiter haben sich bei der abgestimmten Preisfindung auf Grundlage von Auktions- und Handelsergebnissen alle Mühe gegeben, wobei auch zu berücksichtigen ist, dass der MICHEL-Katalog kein Nettopreiskatalog ist (das angestrebte Nettoniveau sollte bei ca. 35 - 45 % des MICHEL-Preises liegen). Dennoch sind unsere Preisvorschläge in manchen Fallen schlicht unberücksichtigt geblieben, was aber wohl kaum zum Problem der Sachbearbeiter gemacht werden kann!

Völlig abwegige Katalogpreise und notwendige Korrekturen aber sollten von jedem Sammler auch weiterhin gemeldet werden, damit man sie umgehend wieder beseitigen kann. Herr Knell nannte im Lauf der Diskussion bereits einige Beispiel, die korrigiert werden müssen, für deren Zustandekommen aber niemand eine Erklärung geben konnte, die also vermutlich auf Vorschlägen „externer“ Mitarbeiter basierten (siehe oben!).

Auch die Verwendung des Zeichens „-,-“ wurde kritisiert. Mit der Begründung, dass für eine relativ normale, neu eingeführte Farbtönung ein horrender Preis gefordert wurde. Abgesehen davon, dass auch ein vorhandener Preisansatz derartige unseriöse Praktiken einzelner Anbieter nicht verhindern kann, ist die Definition im MICHEL-Vorwort für das Kürzel „-,.-“ eindeutig: „Diese Marke gibt es, eine Notierung ist jedoch nicht möglich, weil Bewertungsunterlagen fehlen. Dies muß nicht zwangsläufig bedeuten, daß die Marke sehr teuer ist.“ Wenn aber solche Unterlagen/Registraturen fehlen - was bei einer neu entdeckten Farbtönung in der Natur der Sache liegt - wie soll man einen korrekten und fairen Preis festlegen? Wohl kaum „nach Gefühl“!
Aufgrund der fehlenden Möglichkeiten wurde deshalb bei neu eingeführten Varianten im ersten Jahr auf einen Preisansatz verzichtet und mit Beginn der Katalogisierung - insbesondere vom Autor dieser Zeilen - eine Strichliste über die geprüften Mengen der neuen Farbtönungen geführt. Deren Auswertung führte in der Diskussion mit den anderen Sachbearbeitern und deren Marktbeobachtungen zu einem ersten Preisansatz auf relativ niedrigem Niveau im jeweils neuen MICHEL. Damit sollten spätere krasse Preisreduktionen vermieden und die einsetzende Preisakzeptanz beobachtet werden.

Lamu Sorte II
Von den änderungen im MICHEL hat auch die neue Abgrenzung der LAMU-Entwertungen zu einigem Unmut geführt. Dies hat mehrere Gründe und lässt sich nur im zeitlichen Ablauf genauer erläutern.

Wie anfangs schon dargelegt, sollte die Neubearbeitung eine aus einem Guss bestehende Katalogisierung ergeben, deren Grundlage vor allem eine einheitliche Systematik bilden sollte. Zu diesem Zweck mussten Begriffsbestimmungen vereinheitlicht und inhaltliche Definitionen - insbesondere was die wertbestimmenden Faktoren angeht - festgelegt werden. Da dies nicht mit einem bei jedem Gebiet wiederkehrenden Glossar zu bewerkstelligen war, hat man sich für ein - zugegebenermaßen etwas längeres - Vorwort entschieden (dessen Lektüre für ein tieferes Verständnis des Gebietes aber zwingende Voraussetzung sein sollte). Da sich im historischen Kontext die begrifflichen Abgrenzungen bei einzelnen Gebieten etwas unterschiedlich entwickelt hatten, musste bei einer Vereinheitlichung in Kauf genommen werden, dass nicht alle „gewachsenen“ Besonderheiten übernommen werden konnten - andernfalls hätte man bei jedem Gebiet eine je etwas abweichende Definition voranstellen müssen, was zwangsläufig zu noch größerer Verwirrung geführt hätte.

Die vorgenommenen änderungen betrafen im wesentlichen die Abgrenzung der Stempel-Sorteneinteilung bei Lamu. Bei diesem Gebiet fußt die grundlegende Unterteilung in die Sorten I, II und III auf dem Steuer-Handbuch. Trotzdem dieser schon zeitnah durch Dr. Wittmann, den Herausgeber der 3. und 4. Auflage des Friedemann-Handbuchs, aus nachvollziehbaren Gründen widersprochen wurde, hat sich diese Einteilung weitgehend durchgesetzt.
In der Bearbeitung des Steuer-Handbuchs wird - wenn auch nicht explizit - davon ausgegangen, dass bei den Kolonial-Vorläufern eigentlich nur das Bedarfsstück als vollwertig anzusehen ist. Jegliche von Sammlern veranlasste („Gefälligkeits“-)Entwertung - obwohl echt und zeitgerecht - erhält nicht mehr die volle Wertschätzung (Briefzuschläge gelten in der Regel nur für Bedarfspost), mitunter wird sie sogar als minderwertig beschrieben („Konstantinhafen 3.5.91“). Nun kann man diese puristische Haltung zwar durchaus vertreten, sie als verbindlich zu erklären, führt aus mehreren Gründen jedoch zu weit. Vor allem, wenn man bedenkt, dass noch vor 30 Jahren gerade diese „Gefälligkeits“-Stempel auf sauberem Briefstück in der Sammlergunst ganz oben standen. Wenn man nun alles, was nicht dem nachgewiesenen postalischen Bedarf entspricht (Postanweisungs-, Paketkarten-Ausschnitte, Entwertungen von nachgewiesenen Posttagen etc.), als nicht mehr vollwertig ansieht, so ist es kein großer Schritt mehr zu der Feststellung, von Sammlern beschaffte Stempel (wie zum Beispiel die Entwertung „Marrakesch/ (Marocco) b“ der Deutschen Post in Marokko) oder 5 Mark-Werte von Sammler-Briefen seien nicht mehr sammelwürdig.
Es bleibt völlig verständlich, dass der postgeschichtlich interessierte Sammler auch weiterhin nur die (nachgewiesenen) Bedarfsstücke akzeptieren/bevorzugen wird, nur sollte man diese puristische Haltung eben nicht als allgemein verbindlich ausweisen (denn diese Haltung würde in letzter Konsequenz zu umfangreichen Wertverlusten bei den für Sammler beschafften Stücken und infolge dessen womöglich zu einem Auseinanderfallen des Marktes führen).
In vielen Fällen lässt sich der eindeutige Nachweis, ob eine lose Marke oder ein Briefstück dem Bedarf entspricht oder nicht, ohnehin nicht führen. Es muss deshalb zwingend andersherum argumentiert werden: alle nicht nachweislich als rückdatiert entwerteten Stücke oder sonstwie veränderten Abschläge müssen - „in dubio pro reo“ - als vollwertig angesehen werden (Sorte I).
Lediglich für die Marianen musste eine Ausnahme von der Regel gemacht werden: Da hier der überwiegende Teil der Marken mit veränderten, nicht zeitgerecht angebrachten Stempeln entwertet wurde, muss der Umkehrschluss gelten: erst bei Nachweis einer zeitgerechten Entwertung kann das jeweilige Stück als Sorte I anerkannt werden.
Dass es sich bei dieser Regelung um eine fundamentale Voraussetzung für eigentlich jedes Sammelgebiet handelt, dürfte auf der Hand liegen - diese wichtige Grundlage ist dementsprechend auch in der Prüfordnung verankert worden (PO § 6.7) - das heißt, auch auf dieser Grundlage kann kein Unterschied zwischen einer Bedarfsabstempelung und einer zeitgerechten Entwertung zu philatelistischen Zwecken gemacht werden.
Aus diesen Gründen war eine Entwertung - im Sinne einer einheitlichen Definition - erst dann als nicht vollwertig festzulegen (Sorte II), wenn sie während der Kurszeit der Marken zwar mit dem echten Stempelgerät, aber nicht zeitgerecht angebracht wurde. Daraus ergibt sich, dass die Sorte II von Lamu nach Steuer-Handbuch zur heutigen Sorte I nach MICHEL-Katalog gehört: Es muss bei allem Unbehagen bis zum Beweis des Gegenteils - hier gilt die „Unschuldsvermutung“ - von für Sammler vorgenommenen, aber zeitgerechten Gefälligkeits-Entwertungen ausgegangen werden. Erst die innerhalb der Kurszeit der Marken vorgenommenen Entwertungen mit den immer gleichen überfetteten Abschlägen sind als Sorte II (nach MICHEL) bzw. als rückdatiert anzusehen (sofern die Daten vor Eröffnung der Postagentur liegen).

So stellte sich der Sachverhalt bei Veröffentlichung der Neubearbeitung im Jahre 2006 dar, dem alle beteiligten Sachbearbeiter zugestimmt haben. Es ist davon ausgegangen worden, dass diese wichtige inhaltliche und systematische änderung ihren Niederschlag auch in der vierten Auflage des Steuer-Handbuches finden wird. Dies war leider nicht der Fall und hat verständlicherweise zu starken Irritationen geführt. Die Sachlage konnte mit einer geänderten Textfassung zu diesem Komplex im neuen MICHEL Spezial 2008 bedauerlicherweise nur nachträglich „entschärft“ werden.
Es war aber weder Dummheit noch Ignoranz, noch waren es wirtschaftliche Interessen wie ein Redner auf der JHV dem Autor dieser Zeilen unterstellte wollte - und das obwohl ihm mehrfach und von verschiedenen Seiten die Gründe für die erfolgten Widersprüche dargelegt wurden -, es waren einfach Missverständnisse/Versäumnisse bei der Redaktion des Steuer-Handbuches!

Mit den vorstehenden Ausführungen sollten die wenigen, auch auf der JHV noch kritisierten Punkte ihre notwendigen Antworten erhalten haben. Ich danke den Herren Brekenfeld, Knell und Dr. Provinsky für die Unterstützung bei der Abfassung dieses Artikels.

(Der Artikel erschien im Rundschreiben Nr. 97 der „Arbeitsgemeinschaft der Sammler Deutscher Kolonialbriefmarken e.V.“, Oktober 2008)

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